Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden – eine ökumenische Friedensschrift

von Ralf Becker, Karen Hinrichs, Heinrich Schäfer, Theodor Ziegler

edition pace, 2026

In einem großen konsensualen Prozess mit Menschen aus der christlichen Friedensbewegung ist eine Friedensschrift entstanden, der sich deutlich von der Friedensdenkschrift der EKD absetzt, die den Kurs der Aufrüstung und Abschreckungspolitik kirchlich legitimiert. Dem Team der Autor*innen gehören auch zwei Gründungsmitglieder der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion an: Karen Hinrichs, die zu den Gründungsmitgliedern im Jahre 1984 gehörte und zuletzt das Friedensinstitut an der EH Freiburg geleitet hat und Theodor Ziegler, der der erste Vorsitzende des Trägervereins Gewaltfrei Leben Lernen war. Die beiden werden ergänzt von Ralf Becker, Koordinator von Sicherheit neu denken, und Prof. Heinrich Schäfer, der als Theologe und Soziologe viele Jahre in Costa Rica gewirkt hat.

In ihrer Geradheit und Klarheit ist diese Schrift erfrischend. Ihre Forderungen sind deutlich: Weg von militärischer Aufrüstung, mit Blick auf den Ukrainekrieg wird für eine zivile »Friedenslogik« plädiert, eine Stärkung des Völkerrechts und die Berücksichtigung der Interessen aller Konfliktparteien gefordert. Die Schrift greift zurück auf die prophetisch-jesuanischen Tradition der Bibel, hält die Handlungsempfehlungen aber für allgemeingültig: Auch nichtreligiöse Menschen könnten sie nachvollziehen. Der Titel der Schrift „Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden“ ist ein Zitat, das Yitzhak Rabin zugeschrieben wird.

Die ökumenische Friedensschrift fordert ein kategorisches Nein zum Besitz von Atomwaffen und mahnt den Beitritt zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag an. Sie fordert von den Kirchen, Kriegsdienstverweigerung zum christlichen Standard zu erheben und Geist und Praxis der Abschreckung zu entsagen. Anders als in der EKD Denkschrift wird das Tötungsverbot nicht relativiert. Vielmehr gelte es, den Mythos von der erlösenden Macht der Gewalt zu entlarven und konsequent auf gewaltfreie Alternativen zu setzen. Die Schrift versteht sich als notwendiger Impuls für eine Erneuerung der christlichen Friedensethik.

Bei der Berufung auf die Bergpredigt Jesu werden Beispiele aufgegriffen, die eher selten zitiert werden: Die Metapher vom Splitter und vom Balken, die auf die notwendige Selbstkritik abzielt und zu einem Perspektivenwechsel einlädt. Sodann die goldene Regel, die mit Kant und der UNO Charta kompatibel ist und die Feindesliebe, die im Sinne einer intelligenten Feindesliebe die Welt auch aus der Perspektive des Feindes, des Gegners im Konflikt betrachten will.

Überraschend ist, wie realistisch diese drei Empfehlungen aus der Bergpredigt sind. Sie sind nicht utopisch und nur für den privaten Bereich anzuwenden, sie beschreiben eine Alternative zu einer hochkonfrontativen Politik, die die Welt in Gut und Böse einteilt und nur auf Abschreckung und eine Sicherheitslogik setzt.

Von daher führt ein direkter Weg aus der Bergpredigt zum friedenswissenschaftlichen Konzept der Friedenslogik, das von der Friedensforscherin Hanne-Margret Birckenbach entwickelt wurde. Es nimmt eine zentrale Position in der Friedensschrift vor. Die Analyse des Ukrainekrieges aus der Sicht der Friedenslogik zeigt interessante Perspektiven aus und Auswege aus einer total verfahrenen Situation.

Die Sprache ist sehr verständlich. Zahlreiche Anmerkungen bieten denjenigen, die tiefer in die Thematik einsteigen wollen, reichlich Material und Belege. Eine lohnende, eine notwendige Schrift zum jetzigen Zeitpunkt!

Rezension von Dietrich Becker-Hinrichs

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