Our All Camp
Forms of action
Dementsprechend wurden am Samstag von den Organisator*innen 8.000 Teilnehmende für die Großdemonstration erwartet. Es waren, laut Organisator*innen, am Ende überwältigende 35.000 Menschen da. Für mich war es ein eindrucksvoller Moment, den nicht abreißenden Fluss an Menschen von Keyenberg Richtung Kundgebungsplatz zu sehen. Nach den Reden erfolgte der Aufruf, nach Lützerath zu ziehen und die Räumung zu verhindern. Konkret bedeutete das: Ziviler Ungehorsam, denn der Weg lag in einer Allgemeinverfügungszone – sich dort aufzuhalten war illegal. Tausende Menschen machten sich auf den vermatschten Weg. Kurz vor der Dorfgrenze dann die Ernüchterung: Durch den doppelten Bauzaun, einer Kette an Polizeiautos sowie einer zweireihigen Kette aus Polizist*innen um Lützerath war kein Durchkommen möglich. Obwohl viele Menschen Banner hochhielten oder sangen, war es für mich persönlich ein Moment der Enttäuschung. Wir waren so viele entschlossene Menschen, die gegenüber den Polizeikräften in der Überzahl waren. Und doch fehlte es an Koordination, um Lützerath zu erreichen, was für mich persönlich – trotz besserem Wissens – eine Art symbolischer Triumph gewesen wäre.
Ein wenig Trost bot mir die Rückfahrt am Abend nach der Demo: In allen Zügen Richtung Freiburg, egal ob RE oder ICE, waren mindestens ein Drittel der Menschen Demonstrant*innen. Die verdreckten Wanderschuhe an allen Füßen verrieten sie. Es fühlte sich so an, als wäre wirklich erfolgreich halb Deutschland zu dieser Demo mobilisiert worden. Also fast.
Gewaltfreiheit
Abends in den Nachrichten flimmerten dann die ersten Berichte von der Großdemo über den Bildschirm. Gezeigt und diskutiert wurde in den nächsten Tagen vor allem die Anwendung von Gewalt.
Ich hatte Glück. Die Szenen von Polizist*innen, die mit ihren Schlagstöcken ausholen und auf Menschen einprügeln, sehe ich diesmal nur auf Youtube und in den Sozialen Medien, nicht direkt vor meinen Augen.
Doch auch den Demonstrant*innen wurde Gewalt vorgeworfen. Einige Bilder vom ersten Tag der Räumung, die in den sozialen Medien die Runde machen, zeigen angezündete Reifen und brennende Barrikaden an den Eingängen zum besetzten Dorf. Die Besetzer*innen berichteten, dass sie aus Verzweiflung zu diesen Abschreckungsmaßnahmen griffen, da die Räumung, anders als kommuniziert, bereits einige Tage früher startete,.
Auf dem UAC und in den Aktionen fanden sich, so mein Eindruck, erstaunlich viele Menschen, die sich für gewaltfreie Aktionen aussprachen. Auch während meiner Trainings verliefen die Diskussionen rund um den Begriff „Gewaltfreiheit“ wesentlich weniger kontrovers als auf vielen anderen Camps in den letzten Jahren.
Lützerath lebt
Wozu das alles, mag manch eine*r fragen. Zehntausende Menschen haben in Lützerath gezeigt, dass sie bereit sind, sich aktiv für Klimagerechtigkeit einzusetzen. Sie reisten von nah und fern an und trotzten Regen, Sturmböen, Kälte und Schlamm. Auf dem UAC und vor allem auch in der Besetzung selbst harrten hunderte Menschen tage-, wochen-, teilweise sogar monatelang in besetzten Häusern, Bäumen und in Zelten aus, campierten bei Temperaturen rund um 5° Celsius. Und das alles begleitet von der ständigen Gefahr von möglichen Repressionen. Dank dieser Menschen war die Räumung von Lützerath im Januar tagelang in aller Munde. In Deutschland, aber auch darüber hinaus – so erreichten uns zum Beispiel Solidaritätsbekundungen der Zapatistas aus Mexiko. Alle großen deutschen Medien berichteten darüber, teilweise mit eigenen „Live-Tickern“.
Natürlich ist diese Art der „Sportberichterstattung“ vor allem auf spektakuläre Aktionsformen und Polizeimanöver aus, weniger auf politische Inhalte und die Frage des „Warums“. Trotzdem schafft diese Berichterstattung ein Bewusstsein für die Kämpfe und Räume für Diskussion – in Talkshows, aber auch zuhause am Küchentisch. Deswegen waren die Aktionen rund um die Räumung von Lützerath in meinen Augen trotz aller Frustration ein Teilerfolg. Denn: „Lützerath lebt“. Auch weiterhin. Trotz Räumung, trotz Zerstörung. Der Kampf für Klimagerechtigkeit geht weiter. Und wir als Werkstatt bleiben dran.



