Demonstration in Minneapolis. Viele tragen die Red Hats! © Getty Images via AFP | Stephen Maturen

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Rote Wollmützen gegen die Nazis, Melt the ICE Hats gegen das Trump-Regime

4–5 Minuten

Gewaltfrei gegen Hitler- das ist eines der meistverkauften Bücher der WfGA. Sie setzt damit dem weitverbreiteten Mythos, dass man gegen Hitler mit gewaltfreiem Widerstand nichts hätte ausrichten können, eine andere Erzählung entgegen. Denn tatsächlich gab es zahlreiche Aktionen zivilen Widerstands in den von Deutschland besetzten Ländern: zur Verteidigung der eigenen Identität, zur Behinderung der Kriegsmaschine und zur Rettung Tausender von jüdischen Menschen.

Vor allem in Dänemark, Norwegen und Bulgarien gab es organisierten gewaltfreiem Widerstand in großem Stil.

Die Beschäftigung mit dem gewaltfreien Widerstand in der Nazizeit ist faszinierend und regt zu aktuellen Widerstandsaktionen an. Zu beobachten ist dies zur Zeit vor allem in den USA, wo der Geist des dänischen und norwegischen Widerstands gegen Hitler die Aktionen gegen das Trumpregime inspiriert.

In Norwegen wurde der militärische Widerstand gegen die deutsche Wehrmacht in kurzer Zeit niedergeschlagen. Danach entwickelte sich ein breit angelegter ziviler Widerstand, der vor allem von den Kirchen und den Lehrerinnen und Lehrern getragen wurde. Diese weigerten sich kollektiv, die nationalsozialistische Ideologie in ihrem Schulunterricht zu übernehmen. Auch nachdem ihnen die Gehälter gestrichen wurden, arbeiteten sie weiter in den Schulen und wurden von den Eltern mit Lebensmitteln unterstützt. Hunderte Lehrkräfte wurden in Straflager transportiert und brutal unter Druck gesetzt, aber sie gaben nicht nach. Am Ende scheiterte der Versuch, Norwegen in einen nationalsozialistischen Staat umzuformen am Widerstand der Lehrerenden und der Kirchen. Zum Zeichen des Protestes gegen die Nazis trugen die norwegischen Bürger*innen rote Wollmützen. Nachdem diese am 26. Februar 1942 verboten wurden, hefteten sie sich Büroklammern ans Revers zum Zeichen dafür, dass alle zusammenhalten.

Heute sind rote Wollmützen in Minneapolis ein Zeichen des Protestes gegen das Trumpregime.

Die Methoden der Grenzschutzbehörde ICE werden öffentlich mit jenen der Geheimen Staatspolizei während der Zeit des Nationalsozialismus verglichen. Ein Geschichts-Student, der in einem Laden für Wolle und Handarbeiten arbeitet, erzählte seiner Chefin von den norwegischen Wollmützen. Sie fertigte eine Strickanleitung dafür an und verkaufte diese, um die Aktionen gegen ICE zu unterstützen. Die Idee und die Geschichte dazu gingen viral, so dass in kurzer Zeit die „Melt the ICE Hats“ zu einem Symbol für den Widerstand wurden. Zeitweise war die rote Wolle in ganz Minnesota ausverkauft.

„Zehn Gebote“ für Dän*innen

Impulse für den Widerstand in den USA kommen auch aus Dänemark. 1940 griff Deutschland das Land und seine 3,8 Millionen Menschen an. Da es keine militärische Verteidigung aufbauen konnte, kapitulierte Dänemark zunächst. Zunächst blieb es ruhig, doch bald begannen die Dän*innen, sich zu widersetzen. Der Impuls dazu ging von einem 17 jährigen Dänen aus, der frustriert war von der anfänglichen Passivität. Er verfasste die „Zehn Gebote für Dänen“ – einfache moralische Anweisungen, die die Bevölkerung aufforderten, sich gegen die Nazis zu stellen. „Arbeite nicht für die Nazis. Kaufe nicht in ihren Geschäften ein. Glaub nicht an ihre Propaganda. Schützt diejenigen, die sie verfolgen.“ Diese Gebote gerieten außer Kontrolle, wurden von Hand abgeschrieben und an Wände geklebt.

Die Dänen wurden ermutigt, schlechte Arbeit für die Deutschen zu leisten, das zu zerstören, was den Besatzern wichtig war, und die Unterstützung der Nazi-Kollaborateur*innen zu verweigern. Entscheidend ist, dass die dänischen Gebote betonten, das eigene Privileg zu nutzen, um andere zu schützen: „Du sollst jeden beschützen, der von den Deutschen verfolgt wird“, hieß es.

Ziviler Widerstand gegen ICE

Heute erleben wir in den Vereinigten Staaten einen ähnlichen Widerstand: Nachbarschafts-ICE-Wachen und Gemeindemitglieder versuchen, einen menschlichen Schutzschild zu bilden, um Agenten daran zu hindern, ihre Nachbarn festzunehmen.

Wo die ICE Beamten auftauchen, ertönen Trillerpfeifen. In Geschäften sind sie unerwünscht, in manchen Restaurants werden sie nicht bedient. Vor Hotels, in denen ICE Beamte untergebracht sind, versammeln sich Anwohner*innen zu Demos, um mit Trommeln und Kochtöpfen den ICE Agenten den Schlaf zu rauben. Dies führt dazu, dass Hotels den ICE Beamten die Unterkunft kündigen, um ihre anderen Gäste nicht zu verlieren. Sogar eine ganze Fluggesellschaft weigert sich, ICE Beamte zu transportieren. Wie in den 1940er Jahren in Dänemark bei den „Liederfestivals“, spielt auch beim Widerstand gegen ICE das gemeinsame Singen eine große Rolle. Mehrere Religionsgemeinschaften bieten dafür Raum und unterstützen den Protest aktiv.

Im August 1943 übernahmen die die Nazis die Regierung in Dänemark komplett. Dann wollte die NS-Regierung – ungestört durch von der dänischen Regierung aufrechterhaltenen Schutzmaßnahmen – die 8.000 jüdischen Bürger*innen Dänemarks in Konzentrationslager deportieren. Ein deutscher Diplomat, dessen Gewissen von der moralischen Klarheit um ihn herum berührt wurde, verriet den Plan. Die Dän*innen handelten schnell: bei einer koordinierten Rettung brachten sie über 90 Prozent der dänischen Jud*innen in Sicherheit nach Schweden, das sie willkommen hieß.

Heute schützen amerikanische Bürger*innen Migrant*innen, die vor der Deportation durch ICE Beamte Angst haben müssen.

Sie warnen vor den Patrouillen und bauen ein komplettes alternatives Versorgungssystem auf, damit Migrant*innen nicht beim Einkaufen verhaftet werden. Es gibt Untergrundküchen, Fahrradtransportsysteme mit Essenslieferungen, Kinder werden zum Schulbesuch begleitet. Der Widerstand in den USA geht weit über symbolischen Protest hinaus. Entstanden ist ein komplettes Netzwerk der gegenseitigen Hilfe. Die Bürger*innen der USA praktizieren soziale Verteidigung gegen ihr eigenes Regime.

Die Werkstatt für Gewaltfreie Aktion ist in Deutschland einer der Knotenpunkte, wo solch sinnvolles Know How gesammelt und verbreitet wird. Menschen und Kampagnen, die sich für lebensfreundliche und emanzipative Bewegungen einsetzen, werden von uns unterstützt.

Geschrieben von Dietrich Becker-Hinrichs
Bild von Getty Images via AFP | Stephen Maturen
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