Geschrieben von Fjell zu Jeddeloh, Geschäftsführung der WfGA.
Erfurt. Für den Sonntag vor Camp Start ist schon ganz schön viel los. Zelt an Zelt reiht sich in den „ruhigeren“ Plätzen auf dem eingezäunten Gelände im Stadtpark. Der Rasen ist gemäht. Ich bin für die Werkstatt angereist, um das Camp mitzugestalten und unsere Workshops in das umfangreiche Programm mit einzubringen, doch nach anstrengender Fahrt und endlich gestilltem Hunger falle ich erst mal ins Zelt.
Ein Camp Spaziergang
Das Gelände
„Kaffee ist ein Kolonialprodukt“, steht auf einem Schild neben dem riesigen Wärmebehälter. „Überlege also, vielleicht etwas mehr dafür zu spenden.“ Ich zapfe mir einen Becher. Ich spende und spaziere mit dem Kaffee in der Hand über das große Gelände. Es gibt ein Zelt, das von „Wald statt Asphalt“ gestaltet wird, ein Zelt mit einer riesigen Banner-Überschrift „Gegen den Rechtsruck“, und nahezu unzählige weitere Zelte für Workshops, die ab heute hier stattfinden werden. An einem kleinen Kiosk können Menschen das Nötigste kaufen. Der Hauptweg ist an zwei Enden jeweils mit Info Punkten zum Camp gespickt. An zwei großen Stationen gibt es Handwaschbecken aus LKW-Planen, beschriftet mit „Bitte nur mit Ellbogen öffnen“, Desinfektionsmittel, sowie eine interessante Kombination aus Hock-Pipi-Klo und Dusche. Später kommen noch Dixies, an deren Innentüren aus dem Nu folierte Schilder auftauchen: „Durchfalltoilette! Solltest du Durchfall haben, hänge dieses Schild bitte nach außen!“, nebst: „Bitte nichts an die Wände schreiben.“ Hier ist offenbar einiges im Vorhinein bedacht worden. Es gibt Rückzugsräume aus den Awareness-Strukturen für marginalisierte Gruppen, hier benannt mit BIPOC, FLINTA*, jüdische Menschen, Menschen mit Behinderung, neurodiverse Menschen. Generell gibt es zwei Awareness-Strukturen, eine BIPOC- Awareness und eine allgemeine.
Reaktionen auf das Camp
06:30 Uhr. Ein lautes, unsäglich langes Hupen weckt mich. „Guten Morgen, ihr Lullen“, brüllt eine tiefe Stimme inbrünstig ins Camp und lässt den Motor aufheulen. Zum Glück kann ich wieder einschlafen. „Geht mal arbeiten, ihr faulen Säcke“, schreit später ein Fahrradfahrer, der auf dem Hauptweg vorbei fährt. Lolo von der Shit Brigade wischt sich mit dem Ellenbogen den Schweiß von der Stirn, um mit den großen, gelben Handschuhen, mit denen er seit fünf Stunden bei über 30 Grad Klos putzt, nicht seine Haut zu berühren. „Also ehrlich, das lass ich mir jetzt nicht erzählen“, sagt er, hält hilflos die Hände hoch und lacht. Ich sitze gerade in einem Workshop zu „Another Tec is possible“ und schwitze sogar im Sitzen. Es geht darum, wie der digitale Kapitalismus funktioniert. Auch hier starren die rund 40 Teilnehmenden dem Fahrradfahrer erst mal verwundert hinterher. Andere Leute kommen vorbei und fragen vorsichtig und interessiert nach, was wir machen, oder wie es läuft. „Also, ich finde das ja wirklich, also, wirklich toll, was ihr hier macht. So viele junge Leute, so viel Enga- gement. In diesen Zeiten, Mensch, das ist so wichtig“, sagt eine Person. Ihr Chihuahua schnüffelt hektisch an der Kastanie neben dem Weg und sie zupft ihn ein wenig zurück. „Also dann, ich wünsche euch noch alles Gute für die kommenden Tage.“ Die Führungen über das Camp werden ebenfalls gut angenommen. Einer meiner Teilnehmer vom Vortag versucht sogar, draußen auf der Straße Menschen hierher einzuladen. Der Organisation des Camps war es wichtig, für den Stadtteil anschlussfähig zu sein. Manche Erfurter:innen schauen auch auf Veranstaltungen vorbei, nehmen an Workshops teil und schei- nen auf den Geschmack gekommen. Workshop. In meinem Workshop „How to Plenum – kurz und knackig“ sitzen über 40 Teilnehmer:innen, alle mit Vorerfahrun- gen von lang gezogenen Plena aus ihren Organisationen. Jedes Thema wird wieder aufgegriffen, noch in der Schlange für das Essen diskutiere ich mit einer teilnehmen- den Person die Problematik, wie Leistungs- anspruch und Spaß zusammengebracht werden können, um weder maschinenhaft produktiv noch ohne Ergebnis miteinander politisch zu arbeiten.
Camp Leben, Anekdoten und Versorgung
„MIKE CHECK“, schreit Müsli von der Knoblauchfahne, dem Kollektiv, das das Camp bekocht. „Wir suchen“, ruft er, seine Stimme leicht hei- ser von den vielen Ansagen. Die Menge, die gerade zum Essen auf der Wiese sitzt, echot laut seine Worte wider, sodass ein Chor die Sprüche über das Camp trägt: „WIR SUCHEN“ – „6 Leute“ – „6 LEUTE“ – „zum Abspülen“ – „ZUM ABSPÜLEN!“. So geht es mehrmals am Tag, für alle möglichen Themen. Abends finden sich die Leute zum Nachtisch am Crêpê Stand All Crepes Are Beautiful zusammen. Der Stand hat eine angedockte, anarchistisch- klimapolitisch-feministische Bibliothek mit Teppich und einer Lampe aus den 80ern. Einer der Crêpê Menschen zündet abends Kerzen an. Nach zwei Tagen fragt er mich mit leuchtenden Augen: „Wieder Schokolade- Pistazie?“ und ich nicke. Sie scheinen unendlich viel Power zu haben. Im Hinter- grund läuft René Binamé – La vie s‘écoule und der andere, unermüdliche Crêpê Mensch summt dazu wippend. Gegen den Faschismus Bezahlkarte Einen Tag besuche ich mittags einen Vortrag zum Thema Bezahlkarte vom Flücht- lingsrat. Einige Geflüchtete berichten davon, welche massiven und unmenschlichen Einschränkungen sie durch die Bezahl- karte erfahren. In Hessen, wo die Karte bereits aktiv ist, bekommen die Men- schen extrem wenig Bargeld, stattdes- sen oftmals Gutscheine für Supermärkte. Als Bezahlkarte nehmen viele Supermärkte die Karte gar nicht an. Die Karte ist in ihrer Gültigkeit auf die Region ihres Aufenthalts beschränkt, sodass der Bewegungsradius desr Karteninhaberin dadurch extrem kontrolliert und klein ist. Wie menschen- unwürdig das ist, brauche ich wohl kaum erwähnen. Einer der praktischen Appelle zur Direkthilfe ist, Strukturen zu entwickeln, in denen Aktivistinnen den Menschen aus Unterkünften die Gutscheine für Bargeld abkaufen. Eine Frau aus dem Publikum steht auf und ruft: „Wir brauchen nicht noch eine Demo, wir brauchen nichts, was jetzt geplant und in zwei Jahren umgesetzt wird; was wir brauchen, ist Bargeld. Hier könnt ihr uns wirklich helfen.“ In Baden-Württemberg wurde die Karte übrigens in einigen vvLandkreisen bereits Anfang des Jahres eingeführt, weitere sind, ebenso wie eine länderübergreifende Maßnahme, im Gespräch. Für diesen Vortrag ist ein Team von insgesamt 5 Übersetzerinnen dabei, die von verschiedenen Sprachen in verschiedene andere übersetzt werden, je nachdem, was gerade gebraucht wird. Augenblicklich empfinde ich tiefe Dankbar- keit und Respekt für das Dolmetscherinnen Team des System Change Camps, wie auch für die Sprecherinnen selbst, die den Mut aufgebracht haben, ihre Perspektive hier darzulegen. In diesem Zelt gibt es auch noch einige andere Beiträge, zum Beispiel von der Seebrücke, rund um das Thema Abschiebung und Asyl, immer in Zusammen- arbeit mit Betroffenen und Aktivist*innen. Stadt-Land-Vernetzung in Brandenburg und Thüringen Gegen Abend besuche ich ein Podium zum Thema Stadt-Land-Vernetzung gegen Rechtsdruck in Ostdeutschland. Die Menschen auf dem Podium thematisieren das Problem, dass vor allem langfristige Unterstützung ländlicher Kommunen fehlt. Hier geht es vor allem um die Bauernproteste

