Eine Aktion der Gruppe Extinction Rebellion in Heidelberg gegen den Bau einer Erdgas Pipeline.

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Eine Buchvorstellung: Zuversicht jetzt!

3–4 Minuten

Geschrieben von Sara Fromm, Bewegungsarbeiterin bei der WfGA.

Unsere ehemalige Geschäftsführung Sara Fromm hat ein Buch herausgebracht. Wir dürfen hineinschauen.

Klimakrise. Rechtsruck. Aufrüstung. Krise, soweit das Auge reicht. Und es scheint gerade irgendwie alles noch schlimmer zu werden. Als ich letztes Jahr vom Löwenzahn Verlag gefragt wurde, ob ich ein Buch zum Thema „Klimakrise und Arbeit“ schreiben wollen würde, dachte ich: Spannendes Thema – aber was es gerade wirklich braucht, ist doch vor allem auch praktisches Handeln, um die dringend notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen voranzubringen.

Individuelle Konsum- oder Verhaltensänderungen reichen dafür nicht aus. Was wir stattdessen tun brauchen – und die Werkstatt seit 50 Jahren unterstützt – ist politisches Handeln. Gemeinsam zu handeln, uns zu organisieren und uns damit im Endeffekt selbst zu ermächtigen. Und das Ganze möglichst strategisch zu tun. Dazu durfte ich während meiner Zeit als Geschäftsführerin bei der Werkstatt, aber auch jetzt als freie Mitarbeitende sehr viel lernen. Und deswegen habe ich lieber darüber ein Buch geschrieben, in der Hoffnung, dass es Mut macht und Zuversicht gibt – und Menschen zum Handeln bewegt.

Leseprobe aus „Zuversicht jetzt – den Krisen der Welt mutig begegnen“:

Ich sehe gerade noch, wie eine junge Frau von Polizisten über den Asphalt weggeschleift wird. Nach und nach arbeiten sich die Polizist:innen weiter vor und räumen die Blockade, die wir auf der Brücke mitten in Madrid heute früh mit unseren Körpern errichtet haben. Wir sind hier, weil wir eine andere Verkehrs- und Klimapolitik von der Regierung in Madrid und in Spanien fordern. Weil all die Demonstrationen und Petitionen bisher nicht viel gebracht haben, sitzen wir heute, im Jahr 2019, bei der ersten Massenaktion der Klimagerechtigkeitsbewegung in Spanien, an einem Samstagmorgen auf der Straße. Vor mir fängt jemand laut an zu rufen: „Show me what democracy looks like!“ und wir antworten im Sprechgesang: „This is what democracy looks like!“

Ich werde nervös beim Blick auf die Polizist:innen, bei denen der Geduldsfaden gerissen ist oder die noch nie einen hatten – und direkt mit Knüppel und Schmerzgriffen hantieren. Während ich immer wieder „This is what democracy looks like!“ rufe und damit meine Zuversicht in die Demokratie zeige und in die Tatsache, dass unser Protest Teil dieses Aushandlungsprozesses ist, hagelt es Schmerzgriffe um mich herum. Wie zynisch, schießt es mir durch den Kopf. Denn auch so kann Demokratie aussehen – wenn falsche Werte mit Gewalt durchgesetzt werden und friedlichem Protest die gesamte Breitseite der staatlichen Gewalt entgegenschlägt.

Erfolge sind kein linearer Fortschritt. Soziale Bewegungen machen nicht immer nur Schritte nach vorne. Stattdessen sind „Niederlagen Teil unseres Weges“, wie Timo Luthmann es formulierte. Und es gibt Phasen, in denen soziale Bewegungen mehr Erfolg haben, mehr gedeihen als in anderen Zeiten. Diese Phasen können mit verschiedenen Konzepten widergespiegelt werden, wie beispielsweise den „Jahreszeiten“ vom Ayni Institute oder dem „Movement Action Plan“ von Bill Moyer.

Soziale Bewegungen sind der Schlüssel für progressiven sozial-ökologischen Wandel. Für die Veränderungen, die wir in unserer Gesellschaft so dringend brauchen, müssen wir uns gemeinschaftlich einsetzen, uns dafür organisieren. Wir alle können und sollten Teil von sozialen Bewegungen sein. Und für Themen, die uns besonders am Herzen liegen, nicht nur in der Wahlkabine eintreten, sondern auch auf der Straße. Ohne Menschen, die genau das in der Vergangenheit getan haben, wären wir heute nicht dort, wo wir gerade sind. Ohne die Kämpfe der Frauenrechtsbewegung könnte ich heute nicht wählen gehen. Ohne die Arbeiter:innenbewegung wäre die 5-Tage-Woche undenkbar.

Das Tolle daran? Wir können von unseren Vorgänger:innen lernen. Wir müssen das Rad nicht komplett neu erfinden, sondern können von den Erfahrungen anderer profitieren. Dafür lohnt sich ein Blick auf einige erfolgreiche Beispiele aus den letzten Jahrzehnten: die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die deutsche Anti-Atomkraft-Bewegung und die argentinische feministische Bewegung.

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