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Die Räumung von Lützerath – Für Klimagerechtigkeit im Schlamm unterwegs

5–7 Minuten

Seit 2020 rodete der Energiekonzern RWE in und um das Dorf Lützerath in NRW und begann, Häuser abzureißen. Robert Habeck, Wirtschaftsminister der Grünen und NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur besiegelten dann in einem Papier zum Kohleausstieg gemeinsam mit RWE-Chef Markus Krebber das Abbaggern von Lützerath am Tagebau Garzweiler. Damit war Lützerath eines von über 300 Dörfern mit dem Schicksal, für den Braunkohleabbau in Deutschland dem Erdboden gleich gemacht zu werden. Seit 2020 zogen immer mehr Klimaaktivist*innen nach Lützerath, um die verbliebenen Dorfbewohner*innen in ihrem Kampf gegen die Zerstörung zu unterstützen. Die deutsche Klimagerechtigkeitsbewegung hatte den Ort nach den Protesten rund um die Abholzung des „Dannenröder Forsts“ zu ihrem neuen, strategischen Mittelpunkt erklärt. Immer mehr Häuser wurden besetzt und Baumhäuser gebaut, um sich auf die bevorstehende Räumung vorzubereiten. Am Sonntag, 8. Januar 2023 begann die Polizei, ganz Lützerath mit einem Bauzaun abzuriegeln.

Unser Aller Camp

Beim Ausweichcamp „Unser Aller Camp“ (UAC) im Nachbarort Keyenberg schlugen ab Montag, 9. Januar 2023, hunderte Menschen ihre Zelte auf. Was anfangs relativ überschaubar startete, wuchs über die Tage und besonders zum Wochenende hin mehr und mehr an. Vor allem junge Menschen zwischen etwa 18 und 30 tummelten sich zwischen Zirkus-, Infrastruktur- und Campingzelten. Doch auch einige wenige ältere Menschen und Kinder trotzten dem nasskalten Wetter. An allen Ecken und Enden wurde auf dem UAC mit emanzipatorischen Formen des Zusammenlebens experimentiert: Wie bei den meisten Camps der deutschen Klimabewegung gab es selbstgebaute Komposttoiletten und Waschstationen, ein Kochkollektiv versorgte das ganze Camp. Es gab eine eigens eingerichtete „Wärmflaschenstation“, an der sich jede*r vor der kalten Nacht die Wärmflasche mit heißem Wasser auffüllen konnte. Besonders wichtig war auch die Arbeit der Anti-Matsch-Crew, die immer wieder den Schlamm von den eigens angelegten Wegen wegschaufelte und neue Wege aus Paletten bastelten. Neben dem körperlichen Wohlergehen gab es viele Strukturen, die dafür sorgten, dass sich möglichst alle Menschen auf dem Camp wohlfühlten. So schloss ich mich am Mittwoch spontan einer Gruppe an, die Menschen mit Tee, Suppe und Umarmungen in Empfang nahm, die gerade aus einer Aktion kamen. Den Rest der Woche tat ich, wofür ich eigens nach Lütherath angereist war: Menschen in Aktionstrainings auf Aktionen rund um die Räumung vorzubereiten, Bezugsgruppenfindungen anzuleiten und Auswertungstreffen zu moderieren. Bereits im Vorfeld hatte ich im Rahmen meiner Werkstatt-Arbeit seit Sommer 2022 über 200 Menschen in ganztägigen Trainings in Freiburg, Karlsruhe und dem Klimacamp in Lützerath auf gewaltfreie Aktionen des zivilen Ungehorsams während der Räumung vorbereitet. Es berührte mich deswegen jedes Mal, wenn ich auf dem UAC ein Gesicht wiedererkannte von jemandem, die*der eines meiner Trainings besucht hatte. Und davon gab es in Lützerath in dieser Woche viele.

Aktionsformen

So bunt wie die Strukturen auf dem Camp waren auch die Aktionsformen, die in Lützerath und rundherum angewandt wurden: In Lützerath selbst dominierten Baum- und Häuserbesetzungen, unterstützt durch technische Blockaden. Große Aufmerksamkeit erlangten zwei Aktivisten, die sich in einem selbst gegrabenen Tunnel tagelang versteckt hielten. Um Lützerath herum versuchten Aktivist*innen die Räumung des besetzten Dorfes vom UAC aus zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen und setzten dafür ihre Körper überwiegend in Sitzblockaden und Baggerbesetzungen im anliegenden Braunkohletagebau ein.

Die breite Mobilisierung verschiedener regionaler und nationaler Akteur*innen ermöglichte neben den vielfältigen Kleingruppenaktionen auch verschiedene größere Aktionen, wie zum Beispiel die Großdemonstration am Samstag, den 14. Januar.

Dementsprechend wurden am Samstag von den Organisator*innen 8.000 Teilnehmende für die Großdemonstration erwartet. Es waren, laut Organisator*innen, am Ende überwältigende 35.000 Menschen da. Für mich war es ein eindrucksvoller Moment, den nicht abreißenden Fluss an Menschen von Keyenberg Richtung Kundgebungsplatz zu sehen. Nach den Reden erfolgte der Aufruf, nach Lützerath zu ziehen und die Räumung zu verhindern. Konkret bedeutete das: Ziviler Ungehorsam, denn der Weg lag in einer Allgemeinverfügungszone – sich dort aufzuhalten war illegal. Tausende Menschen machten sich auf den vermatschten Weg. Kurz vor der Dorfgrenze dann die Ernüchterung: Durch den doppelten Bauzaun, einer Kette an Polizeiautos sowie einer zweireihigen Kette aus Polizist*innen um Lützerath war kein Durchkommen möglich. Obwohl viele Menschen Banner hochhielten oder sangen, war es für mich persönlich ein Moment der Enttäuschung. Wir waren so viele entschlossene Menschen, die gegenüber den Polizeikräften in der Überzahl waren. Und doch fehlte es an Koordination, um Lützerath zu erreichen, was für mich persönlich – trotz besserem Wissens – eine Art symbolischer Triumph gewesen wäre.

Ein wenig Trost bot mir die Rückfahrt am Abend nach der Demo: In allen Zügen Richtung Freiburg, egal ob RE oder ICE, waren mindestens ein Drittel der Menschen Demonstrant*innen. Die verdreckten Wanderschuhe an allen Füßen verrieten sie. Es fühlte sich so an, als wäre wirklich erfolgreich halb Deutschland zu dieser Demo mobilisiert worden. Also fast.

Gewaltfreiheit

Abends in den Nachrichten flimmerten dann die ersten Berichte von der Großdemo über den Bildschirm. Gezeigt und diskutiert wurde in den nächsten Tagen vor allem die Anwendung von Gewalt.

Ich hatte Glück. Die Szenen von Polizist*innen, die mit ihren Schlagstöcken ausholen und auf Menschen einprügeln, sehe ich diesmal nur auf Youtube und in den Sozialen Medien, nicht direkt vor meinen Augen.

Doch auch den Demonstrant*innen wurde Gewalt vorgeworfen. Einige Bilder vom ersten Tag der Räumung, die in den sozialen Medien die Runde machen, zeigen angezündete Reifen und brennende Barrikaden an den Eingängen zum besetzten Dorf. Die Besetzer*innen berichteten, dass sie aus Verzweiflung zu diesen Abschreckungsmaßnahmen griffen, da die Räumung, anders als kommuniziert, bereits einige Tage früher startete,.

Auf dem UAC und in den Aktionen fanden sich, so mein Eindruck, erstaunlich viele Menschen, die sich für gewaltfreie Aktionen aussprachen. Auch während meiner Trainings verliefen die Diskussionen rund um den Begriff „Gewaltfreiheit“ wesentlich weniger kontrovers als auf vielen anderen Camps in den letzten Jahren.

Lützerath lebt

Wozu das alles, mag manch eine*r fragen. Zehntausende Menschen haben in Lützerath gezeigt, dass sie bereit sind, sich aktiv für Klimagerechtigkeit einzusetzen. Sie reisten von nah und fern an und trotzten Regen, Sturmböen, Kälte und Schlamm. Auf dem UAC und vor allem auch in der Besetzung selbst harrten hunderte Menschen tage-, wochen-, teilweise sogar monatelang in besetzten Häusern, Bäumen und in Zelten aus, campierten bei Temperaturen rund um 5° Celsius. Und das alles begleitet von der ständigen Gefahr von möglichen Repressionen. Dank dieser Menschen war die Räumung von Lützerath im Januar tagelang in aller Munde. In Deutschland, aber auch darüber hinaus – so erreichten uns zum Beispiel Solidaritätsbekundungen der Zapatistas aus Mexiko. Alle großen deutschen Medien berichteten darüber, teilweise mit eigenen „Live-Tickern“.

Natürlich ist diese Art der „Sportberichterstattung“ vor allem auf spektakuläre Aktionsformen und Polizeimanöver aus, weniger auf politische Inhalte und die Frage des „Warums“. Trotzdem schafft diese Berichterstattung ein Bewusstsein für die Kämpfe und Räume für Diskussion – in Talkshows, aber auch zuhause am Küchentisch. Deswegen waren die Aktionen rund um die Räumung von Lützerath in meinen Augen trotz aller Frustration ein Teilerfolg. Denn: „Lützerath lebt“. Auch weiterhin. Trotz Räumung, trotz Zerstörung. Der Kampf für Klimagerechtigkeit geht weiter. Und wir als Werkstatt bleiben dran.

Geschrieben von Sara Fromm
Foto von Tim Wagner
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