Häufig sind nur die formalen, orchestrierten und ‚top-down‘-Maßnahmen als friedensbildende Arbeit sichtbar, während die informellen, individuellen und unautorisierten Beiträge zur Gestaltung eines gesamtgesellschaftlichen Friedensdiskurs unsichtbar bleiben. Dies ist insbesondere bei lokalen, friedensbildenden Aktionen und Projekten im Kunst- und Kulturbereich der Fall, die übersehen, belächelt oder höchstens als begleitender Aspekt betrachtet werden.
Stattdessen muss erkannt werden, dass die Gestaltung von sicheren Räumen für Kunst und Kultur, insbesondere in Zeiten der Gewalt und des Konflikts, für die kollektive Identität, Selbstbestimmung und politische Partizipation ‚über-lebenswichtig‘ sein kann. Sie erhalten friedliche, gewaltfreie Perspektiven, die der normalisierten Gewalt trotzen. Kunst kann ein Mittel zur Transformation, von einer Kultur der Gewalt zu einer Kultur des Friedens, sein. Sie öffnet physische und mentale Räume des Zusammenkommens, Austauschs und der Versöhnung. Somit wird Kunst zum Mittel für gewaltfreien Widerstand und Friedensaktivismus.
Grüße aus Sarajevo 1993
1425 Tage – solange dauerte die Besatzung Sarajevos durch die „Armee der bosnischen Serben“; vom 5. April 1992 bis 29. Februar 1996. Es war die längste Besatzung einer Hauptstadt im 20. Jahrhundert. Von über 350 000 Bewohner*innen wurden ca. 60 000 Menschen verletzt, während etwa 10 000, unter ihnen über 1500 Kinder, die vierjährige Besatzung nicht überlebten. Sarajevo wurde nicht nur als geschichtsträchtiges, kulturelles und politisches Zentrum, sondern auch als Symbol für ein friedliches, multi-ethnisches Miteinander angegriffen. Die Heckenschützen und die über 300 Granatschüsse, die Sarajevo durchschnittlich pro Tag trafen, zielten auf die Menschen Sarajevos, auf ihre Identität, Psyche und ihren Überlebenswillen.
Die Erschaffung von Räumen für Kunst und Kultur sind Zeichen von Wehrhaftigkeit und Ermächtigung. Ob mit Kellerkonzerten, improvisiertem Theater oder der Miss Besetztes-Sarajevo-Wahl1– Kunst und Kultur wurden gewaltfreie Mittel des Protests und Widerstands gegen die Besatzung. Diese Räume waren Orte der Begegnung, die den ethno-nationalistischen Politiken der Spaltung trotzten. Die Bewohner*innen Sarajevos schafften Wege, die gleichzeitigen Realitäten ihres ‚normalen‘ Lebens und der Besatzung zu vereinen und in ihrer kollektiven Erfahrung eine Gemeinschaft zu bleiben. Gleichzeitig protestierten sie mit Kunstaktionen gegen die stummen Blicke der Weltöffentlichkeiten.
Das Künstlerkollektiv TRIO gestaltete in ihrem Postkarten-Set ‚Greetings from Sarajevo 1993‘ weltweit berühmte Werbe- und Kunstdesigns neu, um auf die Situation in Bosnien-Herzegowina aufmerksam zu machen. Durch die Imitation von beispielsweise Coca-Cola-Werbung, wurde auch die Sensationsgier und der regelrechte Konsum von Kriegsbildern, bei dem allerdings Solidarität und Friedensengagement ausbleibt, kritisiert. Die Postkarten wurden somit auch Aufruf zur Selbstreflektion und Solidarität mit den Betroffenen von Krieg und Gewalt.
Kunst- und Kulturaktionen versuchten eine Brücke zu schlagen zwischen dem friedlichen Rest der Welt, der sich weiterdrehte, und ihrer eingekesselten Realität in der Besatzung. Kunstkollektive und -aktionen wie die TRIOs sind Ausdruck trotziger Lebendigkeit und dem Widerstand, sich nicht an den Rand der Welt schieben zu lassen. Diese Postkarten an die Welt symbolisierten, dass Sarajevo die Welt nicht verlassen hatte. Stattdessen erinnern sie die Welt, dass sie Sarajevo verlassen hatte.
Another Brick in the Wall
Mauerkunst – damit verbinden viele zunächst die Berliner Mauer. Die Mauerkunst war illegal, grenzüberschreitend, spontan und unorganisiert; sie war friedlich, gewaltfrei und politisch. Bemalte Mauerstücke mahnen bis heute sowohl an Konflikt, Gewalt und Trennung, als auch an das Engagement der vielen Individuen, die sich dem widersetzten.
Graffiti-Kunst bietet einen niederschwelliger Zugang für große Teile der Bevölkerung zu einem kostengünstigen und schnellen kommunikativen Mittel für politische Statements. Sie ist eine Möglichkeit zur künstlerischen Gestaltung und damit Vereinnahmung ihres Umfelds. Sie ermächtigt Menschen an Orten, die sonst ungesehen und ungehört bleiben. Somit erlaubt sie den Künstler*innen ihre Nachricht sichtbar zu machen, und gleichzeitig selbst anonym, unsichtbar und geschützt zu bleiben.
Diese Form der ‚Politik zum Selbermachen‘ ist ein Beitrag zum öffentlichen oder verbotenen Diskurs. Graffitis können Mitbürger*innen aufrufen sich zu positionieren und engagieren, friedenspolitische Gedanken zuzulassen und zu unterstützen. Der positive und starke Effekt von Graffiti-Kunst, die täglich die Aufmerksamkeit unzähliger Menschen provoziert, darf demnach nicht unterschätzt werden. Sie zeigt was mensch tun, sagen und sein kann.
Da Graffitis meist illegal und verpönt sind, sind sie zugleich Widerstand gegen die herrschende Klasse und ein Akt des Ungehorsams. Sie sind Ausdruck der ‚Macht der Vielen‘ und Beweis, dass es immer Stimmen des Friedens gibt – in Solidarität mit Aktivist*innen und Betroffenen oder in Opposition zu denen, die vom Konflikt profitieren. So zum Beispiel in Nikosia, Zypern, wo solche Graffitis insbesondere entlang der UN-Pufferzone zu finden sind. Diese manifestiert den seit 40 Jahren ungelösten, eingefrorenen Konflikt und die geographische Teilung der ethnischen Bevölkerungsgruppen. Die Graffitis sind Ausdruck gegen radikale, korrupte Regierungen und für die Vision eines geeinten Zyperns, beispielsweise repräsentiert durch die Zivilbewegung ‚Unite Cyprus Now‘². Ähnliche friedenspolitische Graffiti an Mauern, die ‚top-down‘ organisiert, autorisiert und formal Bevölkerungsgruppen teilen, finden sich beispielweise auch in Israel und Palästina
In Nordirland hingegen wurden friedensaktivistische Graffitis ein Zeichen des gewaltfreien Widerstands gegen dominante, radikale und militaristische Gruppen innerhalb der Bevölkerung. Häuserwände und Mauern, die zum Teil konfessionelle Viertel abtrennen, wurden im Zuge des Nordirlandkonflikts ‚traditionell‘ für militaristische Motive und Statements gebraucht, die die eigene Konfliktgruppe heroisieren und die andere dämonisieren. So wurden Konfliktnarrative manifestiert, normalisiert und es wird tagtäglich an sie erinnert. Künstlerkollektive wie ‚Urban Vizuals‘ in Derry, erobern die Mauern für positive, witzige gesellschaftspolitische Statements und Motive zurück. Damit erreichten sie eine Veränderung in der Wahrnehmung und Vorstellungskraft dessen, wie öffentlicher Raum und Gesellschaft sein können. Ähnliche Abbildungen gesellschaftspolitischer Diskurse über Konflikt und Frieden finden sich auch in Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Serbien.
Kreative Friedensarbeit
Kunst bedeutet Gestaltung und Erschaffung, ob als individuelle Ermächtigung oder kollektive Aktion. Auch Frieden muss gebaut werden, und zwar nicht nach IKEA-Bauanleitung, sondern als selbstständiges, kontinuierliches Projekt von der Bevölkerung vor Ort. ‚Kreative Friedensarbeit‘ ist ein Teil der ‚alltäglichen Friedensarbeit‘, das sind Mittel und Methoden, die Menschen in gespaltenen Gesellschaften erschaffen und verwenden, um ihr Überleben und alltägliches Leben im Konflikt zu navigieren. Sie erschaffen diese Wege zum Frieden vom Grund auf (‚bottom-up‘). Diese oft übersehene Realität ermahnt uns, dass jeder Beitrag zum Frieden Aufmerksamkeit und Unterstützung verdient. Ebenso kann es uns in unserem eigenen gewaltfreien Engagement für den Frieden darin bestärken, unserer Kreativität dabei keine Grenzen zu setzen.



