← Werzeugkasten

Die Vision von Degrowth / Postwachstum

5–8 Minuten

Konflikte, Kriege – und unser derzeitiges Wirtschaftssystem

Der Kampf um Ressourcen wie Bodenschätze und Land ist aktuell die zweithäufigste Ursache für Konflikte. Die Klimakrise verschärft solche Konflikte bereits jetzt und wird sie auch in Zukunft durch Ressourcenknappheit und Naturkatastrophen weiter verstärken. Die Menschen, die dabei historisch gesehen am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, leiden dabei bereits jetzt am meisten unter den katastrophalen Folgen. Ressourcenkonflikte innerhalb nationaler Grenzen, aber besonders auch auf globaler Ebene, werden durch Profitinteressen und Konkurrenzkampf angeheizt. Dabei zerstört das derzeitige westliche Wirtschaftssystem gleichzeitig seine eigene Grundlage – unsere ökologische Lebensgrundlage. Als Kritik an diesem zerstörerischen und gewaltvollen System hat sich in den letzten Jahren das Konzept von „Degrowth“ entwickelt.

Das Konzept von Degrowth / Postwachstum

Das Wort „Degrowth“ bedeutet auf deutsch so viel wie „Wachstumsrücknahme“ oder „Entwachstum“. Im Deutschen werden die Begriffe „Degrowth“ und „Postwachstum“ oft bedeutungsgleich verwendet. Das zentrale Ziel von Degrowth ist es, ein niedrigeres und damit nachhaltiges Level von Produktion und Konsum zu erreichen. Damit soll ein gutes Leben für alle innerhalb der planetaren Grenzen möglich werden. Da gerade die einkommensstarken Länder einen hohen Konsum pro Kopf aufweisen ist Degrowth eine Forderung für Länder des globalen Nordens. Unser derzeitiges Wirtschaftssystem setzt die Interessen Weniger über das Wohlbefinden Aller. Deswegen brauchen wir einen Wandel hin zu einem System, welches stattdessen soziale und ökologisches Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt. Ausschließlich auf „Suffizienz“, also materielle Genügsamkeit, zu setzen, reicht dabei nicht aus. Die alleinige Kritik an übermäßigem Konsum wirkt oft de-politisierend. Wir brauchen vielmehr einen Systemwandel – und dafür braucht es eine radikale Umverteilung von Ressourcen und einen kulturellen Wandel hin zu gemeinsamen Werten wie Sorge, Solidarität und Autonomie.

Degrowth ist aber keinesfalls gleichzusetzen mit einer Rezession, wie wir sie beispielsweise gerade in der Coronakrise erleben. Eine Rezession bedeutet im Endeffekt die unerwünschte Verkleinerung der aktuell existierenden Ökonomie – denn dieses Wirtschaftssystem braucht Wachstum, um nicht zu kollabieren. Diese Rezessionen haben oft katastrophale Folgen: Haushaltsdefizite, Arbeitslosigkeit, Armut. Ganz im Gegensatz dazu geht es bei Degrowth um einen Wechsel zu einer komplett neuen Ökonomie. Einer Ökonomie, die nicht von Wirtschaftswachstum abhängig ist.

Wir müssen uns also gemeinsam fragen, welche Sektoren der Wirtschaft in einer Postwachstumsgesellschaft schrumpfen sollen – und welche gleich bleiben oder sogar größer werden. Bildung und Gesundheitsversorgung beispielsweise müssen für unsere ökologisch und sozial gerechtere Zukunft dringend ausgebaut werden. Umweltschädliche Sektoren, die soziale Ungleichheiten anfeuern, wie beispielsweise der fossile Energiesektor oder die Werbeindustrie, sollen schrumpfen. Dass sich durch diesen Wandel das Wirtschaftswachstum höchstwahrscheinlich verringern wird, ist im Endeffekt erst einmal Nebensache. „De-Growth“ (also „Ent-Wachstum“) vor allem deshalb, weil uns Wirtschaftswachstum in unseren westlichen Gesellschaften derzeit als Wundermittel für all unsere Probleme wie Armut und soziale Ungleichheit aufgetischt wird. Entscheidungsträger*innen erheben deswegen auch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu einem ultimativen Maßstab, um mit rein ökonomischen Kriterien das gesamte Wohlbefinden unserer Gesellschaft sowie des Planeten abbuzubilden.

Eine kurze Geschichte

Degrowth tauchte das erste Mal als französische Fassung („décroissance) im Jahre 1972 auf. Der Sozialphilosoph André Gorz sowie der Bericht des „Club of Rome“ „Die Grenzen des Wachstums“ entfachten damit eine breite Debatte. In den frühen 2000-Jahren dann entwickelte sich Degrowth zuerst in Frankreich in einen aktivistischen Slogan, später gefolgt von Italien und Spanien. Erst im Jahr 2008, bei der ersten internationalen Degrowth Konferenz in Paris, kam der englische Begriff „Degrowth“ auf. Wiederum zwei Jahre später, in 2010, trat Degrowth bzw. Postwachstum in Deutschland mehr und mehr in Diskussionen in Erscheinung, angestoßen durch die Gründung des „Netzwerk Wachstumswende“. Degrowth ist Theorie und Praxis – Forschungsfeld und Aktivismus zugleich.

Grünes Wachstum? – Nein Danke!

Befürworter*innen des sogenannten „grünen Wachstums“ argumentieren immer wieder, dass wirtschaftliches Wachstum gar nicht unvereinbar sei mit Klimaschutz. Diese Argumentationsweise hängt fundamental von der Idee ab, dass es möglich ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) weiter wachsen zu lassen während der Energie- und Ressourcenverbrauch in absoluten Zahlen zurückgeht (sog. „absolute Entkoppelung“). Das soll vor allem durch technologischen Fortschritt passieren. Das Problem an der Geschichte: Für diese Art der Entkoppelung gibt es keine wissenschaftlichen Belege und gilt halt höchst unwahrscheinlich. Sich bei der Lösung der Klimakrise auf bisher nicht entwickelte, sozial und ökologisch äußerst fragwürdige Technologien zu verlassen, können wir uns schlichtweg nicht leisten. So bleibt das „grüne Wachstum“ leider eine Mär, die vor allem von Institutionen und Menschen, die gerne den Status Quo beibehalten wollen, verbreitet wird.

Der Weg der Transformation

Statt Geo-Engineering und anderen technologischen Allheilmitteln brauchen wir Lösungen, die jetzt bereits machbar sind – wie bedingungsloses Grund- und Maximaleinkommen, eine 4-Tage-Arbeitswoche, die Abschaffung des BIP als Wohlstandsindikator, die Förderung von solidarischer Ökonomie, die Reduktion von Werbung sowie Divestment aus fossilen Industrien. Politische Maßnahmen können als gesetzliche Rahmenbedingungen die sozial-ökologische Transformation vorantreiben. Es geht jedoch keineswegs darum, gegen den Willen der Bevölkerung in einem „Top-Down“-Verfahren eine Art Öko-Diktatur zu etablieren. Vielmehr benötigen wir ein gesamtgesellschaftliches Umdenken und eine freiwillige, kollektive Verhaltensänderung.

Die Transformation muss dabei nicht nur ökologisch, sondern auch sozial gerecht sein. Konkret bedeutet das, dass beispielsweise Arbeiter*innen, die derzeit in umweltschädlichen Industrien (z.B. in der Autoindustrie) arbeiten, umgeschult werden müssen (z.B. Produktion von öffentlichen Verkehrsmitteln).

Degrowth als Vision für soziale Bewegungen

Obwohl Degrowth oft auch als „Bewegung“ bezeichnet wird, sehe ich in Degrowth vor allem eines: eine Vision. Eine Vision von einer besseren, gerechteren Welt für alle. Dass Utopien oftmals keinen guten Ruf haben und besonders bei „Realist*innen“ verpönt sind, halte ich für problematisch. „Emanzipatorische Utopien“ (Erik Olin Wright) sind äußerst wichtig für soziale Bewegungen. Sie statten uns aus mit einer positiven Idee für die Zukunft, mit einer Vision, die wir gemeinschaftlich anstreben. Dass wir dabei den genauen Weg hin zu dieser Utopie noch nicht kennen, spielt eine untergeordnete Rolle. Denn ausschlaggebend ist vor allem, dass wir uns gemeinsam auf den Weg machen. Hier und heute. So sind diese Utopien nicht nur ein Ansporn für Menschen innerhalb sozialer Bewegungen, sondern sie haben auch einen Mobilisierungscharakter. Visionen können uns helfen, den langen Atem nicht zu verlieren, den wir in sozialen Bewegungen brauchen, um die herrschenden Verhältnisse zu verändern. Schritt für Schritt.

Wer genau hinschaut, der entdeckt in Degrowth außerdem viele Aspekte, die in unterschiedlichen sozialen Bewegungen zentral sind: Das Aufhalten der Klimakrise bzw. der Zerstörung der Umwelt allgemein in der Klima-/Umweltbewegung; das Streben nach Geschlechter- bzw. Gendergerechtigkeit in der (queer-)feministischen Bewegung; der Kampf gegen globale und nationale Ausbeutungsstrukturen der Anti-Rassismusbewegung; dem Ziel eines globalen friedlichen Zusammenlebens der Friedensbewegung.

Wie kann Degrowth als Vision für die Friedensbewegung relevant sein?

Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung entwickelte 1971 das Konzept des positiven Friedens. Dabei unterscheidet sich dieser vom negativen Frieden, der sich nur durch die reine Abwesenheit von Gewalt und Krieg auszeichnet. Positiver Frieden geht darüber hinaus und verneint auch strukturelle Gewalt, die oft subtiler auftritt. Diese strukturelle Gewalt geht oft mit der Ungleichverteilung von Ressourcen und von Macht über die Verteilung eben jener Ressourcen einher. Degrowth strebt, wie bereits erwähnt, die Abschaffung dieser Ungleichverteilung an. Globale Gerechtigkeit wird erreicht durch geplanten Degrowth im Globalen Norden, der Ländern im Globalen Süden wieder Perspektiven jenseits vom westlichen, ökologisch desaströsen Entwicklungsmodell offenlässt. Aus Sicht der Länder des Globalen Nordens steht Degrowth außerdem für ein erweitertes Demokratieverständnis, in dem lokale Regierungs- und Selbstverwaltungsstrukturen gestärkt werden sollen. Darüber hinaus ist auch die bereits erwähnte feministische Perspektive von Degrowth für die Überwindung von struktureller Gewalt besonders wichtig. Mit Hilfe von Diskussionen rund um das Thema „Arbeit“ – bezahlte Arbeit, unbezahlte Arbeit und Sorgearbeit allgemein – sollen die herrschenden Ungleichverteilungen transformiert werden.

Degrowth ist die Vision eines guten Lebens für alle. Für die Menschen von heute und die Menschen von morgen. Dieses gute Leben bietet keinen Raum für strukturelle Gewalt in jeglicher Form. Damit ist es auch eine Vision für die Friedensbewegung.

Weiterführende Infos:

Degrowth / Postwachstum zur Einführung (Andrea Vetter, Matthias Schmelzer)

www.degrowth.info/de

Geschrieben von Sara Fromm
DeutschdeDeutschDeutsch